Autor:innen:
Z. Kender (Heidelberg, DE)
D. Tsilingiris (Alexandroupolis, GR)
O. Eldesouky (Heidelberg, DE)
T. Höfer (Heidelberg, DE)
S. Hartmann (Heidelberg, DE)
D. Sommer (Heidelberg, DE)
T. Fleming (Heidelberg, DE)
S. Heiland (Heidelberg, DE)
S. Kopf (Lübeck, DE)
J. Jende (Heidelberg, DE)
M. Bendszus (Heidelberg, DE)
J. Szendrödi (Heidelberg, DE)
C. Mooshage (Heidelberg, DE)
Einleitung: Die diabetische sensomotorische Polyneuropathie (DSPN) ist durch eine heterogene Beteiligung kleiner Nervenfasern gekennzeichnet. Die Quantitative sensorische Testung (QST) erlaubt eine Einteilung in sensorische Phänotypen, deren prognostische Aussagekraft jedoch begrenzt ist. Die Magnetresonanz-Neurographie (MRN) ermöglicht eine nichtinvasive Beurteilung der strukturellen Nervenintegrität, insbesondere mittels Diffusions-Tensor-Bildgebung. Ziel dieser Studie war es zu untersuchen, ob die strukturelle Integrität des N. ischiadicus, gemessen anhand der Fraktionalen Anisotropie (FA), das Auftreten eines sensorischen Verlusts (SL) bei Menschen mit Diabetes mellitus vorhersagen kann.
Methodik: In diese prospektive Beobachtungsstudie wurden 64 Personen mit Diabetes mellitus (51 Personen mit Typ-2-Diabetes, 13 mit Typ-1-Diabetes, Alter 61,6 ± 12,6 Jahre, Diabetesdauer 10,0 Jahre [IQR 5,0–17,8], BMI 28,2 ± 4,6 kg/m², HbA1c 7,2 ± 1,2 %, eGFR 91,6 ± 15,2 ml/min/1,73 m²) ohne sensorischen Verlust (SL) zu Studienbeginn eingeschlossen. Alle Teilnehmenden erhielten eine QST-basierte Phänotypisierung am rechten Fuß (gesund, thermale Hyperalgesie, mechanische Hyperalgesie) sowie eine MRN des rechten N. ischiadicus. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 6,3 Jahre. Das primäre Ereignis war das erstmalige Auftreten eines SL. Die prädiktive Bedeutung der FA wurde mittels Cox-Regression analysiert und für relevante klinische Kovariablen adjustiert.
Ergebnisse: Zu Baseline wurden 26,6 % der Teilnehmenden als sensorisch gesund, 39,1 % mit thermaler und 34,4 % mit mechanischer Hyperalgesie klassifiziert. Die FA zeigte einen abnehmenden Trend über diese Phänotypen hinweg. Während der Nachbeobachtung traten 17 neue SL-Ereignisse auf, entsprechend einer Inzidenz von 4,21 Fällen pro 100 Personenjahren. Eine niedrigere FA zu Studienbeginn war ein signifikanter Prädiktor für das Auftreten eines SL (HR 0,986 pro 0,01-Abnahme der FA, p < 0,001), unabhängig des Alters, der Diabetesdauer, der Nierenfunktion und des sensorischen Ausgangsphänotyps. Basierend auf einer ROC-Analyse wurde eine FA-Schwelle von < 0,405 als optimaler Cut-off zur Prädiktion eines neu auftretenden SL identifiziert (AUC 0,718). Teilnehmende mit einer FA unterhalb dieses Schwellenwerts wiesen ein etwa achtfach erhöhtes Risiko für SL auf (HR 7,986; 95 %-KI 2,800–22,782; p < 0,001).
Zusammenfassung: Die Ergebnisse zeigen, dass die FA des N. ischiadicus als bildgebender Biomarker zur Vorhersage eines späteren sensorischen Verlusts bei Diabetes mellitus geeignet sein könnte. Die FA liefert prognostisch relevante Informationen über die QST-basierte Phänotypisierung hinaus und könnte eine frühzeitige Risikostratifizierung bei DSPN ermöglichen. Die Daten deuten zudem darauf hin, dass mikrostrukturelle Schäden des N. ischiadicus dem sensorischen Verlust zeitlich vorausgehen und unterstreichen das Potenzial MRN-basierter Bildgebungsmarker für die frühe Identifikation von Risikopatienten innen.